Warum eigentlich ist die Kirche St. Stephan in Gonsenheim so außergewöhnlich?
Vielleicht, weil sie ‚Rheinhessendom’ genannt wird – obwohl sie gar kein ‚Dom‘, gar keine Bischofskirche also ist? Allerdings: Einiges hat dies beeindruckende Bauwerk ja schon von einem Dom! Hier sind drei Dinge (von vielen), die unseren Rheinhessendom sehr besonders machen und über die genauer nachzudenken sich lohnt:
Diese Kirche ist für die Stelle, an der sie steht, offensichtlich viel zu groß!
St. Stephan ist mit seinen über 62 Metern Länge und seinen Doppeltürmen tatsächlich der größte und gewaltigste Kirchenbau der gesamten Region – übertroffen eben nur von den ‚echten‘ Domen in Mainz und Worms. Aber anders als diese steht dieser monumentale Bau eingeschmiegt in die Höfe und Häuser des Ackerbauerndorfes, das Gonsenheim einst war und im baulichen Kern heute noch ist. Irgendwie fast deplaziert … wie die mächtigen romanischen Kirchen, die in diesen kleingebliebenen, veträumten burgundischen Dörfchen stehen … Sind Sie schon einmal rechts ganz um die Kirche herumgegangen, noch um den Sakristei-Anbau mit Barockportal am Kirchgässchen herum, und haben sich angeschaut, wie nah die Mauern des runden Chores an der benachbarten Bauernscheune stehen? Eine einzige Handspanne entfernt! Und man sagt, die Fundamente gingen noch unter die Nachbarsscheune …
Diese Kirche steht verkehrt herum!
Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass die mächtige Doppelturmfassade mit dem Sandstein-Relief-Portal von der Vormittagssonne beschienen wird – und also nach Osten gerichtet ist? Dass also der Chor und der Altar im Westen liegen? Gewöhnlich sind Kirchen ‚geostet‘, ‚orientiert‘ – „Ex oriente lux“, „Aus dem Osten kommt das Licht“, die aufgehende Sonne und auch ‚die wahre Morgensonn’ Jesus Christus. Es gibt nur wenige Ausnahmen, nur wenige Kirchen, deren Hauptaltar im Westen steht – allerdings sind das sehr signifikante: der Petersdom im Vatikan, der Dom St. Martin zu Mainz … edle Gesellschaft, in der sich St. Stephan da befindet und die den Namen ‚Rheinhessendom‘ wieder ein bisschen legitimer macht.
Diese Kirche hat eine auffallend pracht- und machtvolle Ausstattung!
St. Stephan hat eine Ausstattung, die an Menge und Aufwand und künstlerischer Qualität beinahe alle Stadt- oder Ortskirchen übertrifft, die gewöhnlich nur in Dom-, Abts- oder repräsentativen Kirchbauten großer Städte zu finden ist. Die zahlreichen Bronzearbeiten an Portalgriffen, Taufstein und Ambo; der kostbare Marmor, aus dem der Fußboden sowie die signifikant überhöhte Altarinsel samt Altar gefertigt sind; die reichen Glasfenster mit ihrem ausgearbeitetem Bildprogramm. Ein sehr besonderes Bildprogramm. Betrachten Sie sich einmal das Fenster rechts des zentralen Chorfensters: Hier sind die sieben Sakramente dargestellt, aber in einer Weise und Abfolge, wie sie gänzlich unüblich und wohl fast einmalig ist: Direkt unter der Figur der Ecclesia (Allegorie der Kirche), die das Blut des Gekreuzigten auffängt, steht als oberstes der Priester, das Weihesakrament repräsentierend – über den anderen Sakramenten, alle anderen Sakramente erst ermöglichend. Wir wissen, wer diese singuläre Verherrlichung des Klerikalismus in den Glasfenstern (und ebenso die überhohe Altarinsel) in Auftrag gegeben hat: Es ist eben jener Kleriker, der in den Sechziger Jahren Pfarrer der Gemeinde St. Stephan war, dessen unsägliche Missbrauchstaten in den letzten Jahren im Rahmen der so wichtigen Aufarbeitungen eine traurige Prominenz gewonnen haben. Eine Tafel am nördlichen Eingang der Kirche legt nun deutlich sichtbares Zeugnis und Bekenntnis ab.
Beeindruckend in Größe und Gestalt; Wahrzeichen einer mehr als 1250 Jahre lang gewachsenen Dorf- und Stadtteilgemeinschaft mit dem Wahlspruch „Miteinander feiern, füreinander da sein“, Zeuge der Vielfalt der Zeitläufte und der Geschichte, in stolzem Glanz wie in dunklen Abgründen: Der Rheinhessendom will einladende Mitte unserer vielfältigen, gastfreundlichen, weltoffenen Gemeinschaft in Gonsenheim sein.




Neugierig geworden? Wir werden an dieser Stelle nach und nach immer mehr Texte und Bilder und spannende Geschichten zum und rund um den Rheinhessendom verlinken.
Stephan Jolie, 16.5.2026
Lesenswert
Lesen Sie auch diesen sehr orginellen Text über den Rheinhessendom von unserem ehemaligen, und leider gerade verstorbenen Pfarrer Rainer Borig auf der Webseite des Bistums: St. Stephan, Gonsenheim

